Die Neue

Eigentlich fing der Tag ganz gut an…

Heute werden wir eine PTA-Praktikantin bekommen.
Der Chef hat sie ganz allein ausgesucht.
Wir sind gespannt.
Wir sind nicht voreingenommen.
Wir wollen sie herzlich begrüßen.
Sie kommt. Was trägt sie? Sie strahlt uns an. Wir lächeln zurück.
Wo bleibt nur der Chef?
Wir stellen uns vor, zeigen ihr das für sie vorbereitete Fach und stellen all die Fragen, die uns auf der Zunge liegen : welche Schule – wie war die Prüfung – welches Lieblingsfach – wie alt – Freund – Geschwister – Hobbys – Sport – eigene Wohnung – können wir helfen – ist das die erste Stelle… ?
Sie antwortet ohne Gegenfrage. Wie auch? Wir sind in der Überzahl.
Schnell haben wir uns auf das vertraute ‘DU’ geeinigt und unsere Approbierte übernimmt die erste Einweisung am Computer. Wir überlassen ihr das gern.
Auf uns warten schon Patienten, und unsere erste Neugier ist ja auch gestillt.

Schließlich kommt unser Chef.
Er hatte sich leider etwas verspätet, aber das kommt ja mal vor.
Er übernimmt nun die Führung durch die Apotheke und sagt ihr zum Schluss, dass sie sich ruhig schon mal in den Handverkauf mit einreihen soll.
Mutig stürzt sie sich auf den nächsten Kunden mit 3 Rezepten.
Eine von uns hilft ihr beim Suchen und beim Drucken. Alles gut gelaufen.
6-7mal spielen wir das im Wechsel durch, dann fühlt sie sich sicher.
Sie geht und sucht und findet und vergisst in ihrer Freude, das Rezept vorzuzeigen.
Die ersten Schritte am Computer laufen auch gut – dann stürzt er ab.
Sie hat alles so wie vorher gemacht, sagt sie, und kann es sich nicht erklären.
Wir auch nicht. Also alle Computer aus und neu starten.
Leider war die Eingabe im Laborprogramm noch nicht abgespeichert, aber was soll’s.
Die Sendung kann man ja auch noch mal neu eingeben. Das kann eben mal passieren.
Wir sind geduldig und bleiben freundlich.
Eine halbe Stunde läuft alles reibungslos.
Die Neue – sie heißt Pia – macht in der Rezeptur eine Salbe, bis irgendeine sich wundert, dass es so lange dauert, bis sie zum Prüfen der Einwage jemanden ruft.
Sie ist fast fertig als Frau K. kommt. Und die ist streng und sehr gewissenhaft.
‘Das kannst Du gleich noch mal machen, denn ich habe weder die verwendeten Drogen noch die Mengen geprüft. ‘

‘Das haben wir in der Schule aber immer so gemacht.’
Dieser Satz wird uns die nächsten Tage begleiten.

Mit etwas mehr Bescheidenheit hatten wir wohl insgeheim gerechnet.
Aber vielleicht läuft heute wirklich alles anders.
Was auch immer geschehen sollte, wir hatten beschlossen, geduldig zu sein.
Und unsere Geduld durften wir beweisen.

Heute war ein ‘Chef-Tag’.
> Die Apotheke stand meistens voll, so dass wir alle gut ausgelastet waren.
Keine konnte sich so richtig mit Pia beschäftigen. Wir sahen sie zwar hier und dort und gaben ihr kleine Aufträge und hofften, dass sie es schon irgendwie meistern würde.

Beim Einräumen des Geschirrspülers hatte sie zwar nur die Hälfte hinein bekommen, aber die kann ja ruhig zweimal laufen.

Bis zur Mittagspause war sie dann auch erst mal ziemlich geschafft.
Nach 2 Jahren Schulbank-Drücken ist das durchaus verständlich.

Um 15 Uhr ging der Stress wieder los – für sie.
Tees mussten abgefasst werden. Die Waage steht im Sichtbereich neben der Offizin, und so konnten wir im Vorbeigehen die Mengen überprüfen.
Für uns schien es eine Ewigkeit, bis sie die 10 Tüten abgefüllt hatte, aber aller Anfang dauert eben länger. Es ist ihr auch nur eine Ladung umgekippt.
So hat sie auch gleich gesehen, wo der Staubsauger steht.

Danach gehen wir die HV-Tische und die Sichtwahl mit ihr durch und fragen, wo sie jetzt was findet.
Die nächste Kundin bekommt ein Mittel aus dem ‘Renner’. Pia sucht im Alphabet und sagt ihr dann, dass wir dieses Medikament leider bestellen müssen.
‘Wieso, das habe ich doch immer hier gekriegt. Ihre Kollegin hat das auch von diesem Schrank hier geholt. Fragen Sie doch mal Frau F’.
Es scheint ihr nicht zu passen, aber sie ringt sich zu der Frage durch – und findet es.
Ohne weitere Entschuldigung gibt sie es ab.

Sicher ist es schwer, nach einer eben bestandenen Prüfung vom Wissensgipfel wieder einen Schritt zurückgehen zu müssen, aber da muss man durch.
Und an der Freundlichkeit werden wir auch noch ein wenig arbeiten.
In der Apotheke lernt man am besten vom Hinschauen und Beobachten, wie es die anderen machen. Denn jede Apotheke hat ihr eigenes Aushängeschild und einen Ruf, den es, wenn er gut ist, zu halten gilt.
Nicht nur wir müssen uns über die Neue informieren, sondern auch sie sich über ihr spezielles Arbeitsfeld und Berufsbild.

Und als Fazit bleibt nach diesem ersten Tag:
Man sollte doch etwas besser über die Lehrpläne an den PTA-Schulen informiert sein.